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Fremd Gehen

Kleine Betrachtung über die Spuren der Globalisierung in meinen Büchern.
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Die Chemie des Glücks
Von Martin R. Dean
Die Zeit verläuft mitunter diskontinuierlich. Manchmal stockt sie, dann macht sie einen Sprung. Selbstvergessen hausen wir in ihr wie in einer Wohnung, bis irgendeine Katastrophe uns zum Umziehen zwingt. Manchmal bewegen wir uns, glückliche Auserwählte eines Selbstinitiativschubs, auch selber mit einem Sprung voran. In jedem Falle aber bleiben wir Kinder des Zeitgeistes und der Fortschritt ist nichts anderes als das sachte Weiterrollen der Zeitblase unter unserem Hintern. An Knotenpunkten medialer, geschichtlicher und mentaler Strömungen verdichtet sich der Zeitgeist.
Die medizinische Forschung ist eine mächtige, untergründige Kraft in der Zeit, die nur da und dort – wenn auch mit sensationellen Ergebnissen – an die Oberfläche kommt. Diese Kraft ist das Resultat des Projekts der Aufklärung – und könnte deren endgültiges Ende einläuten. Seit seinen Anfängen hat sich ist das Projekt der Aufklärung um die Gewinnung der Definitionsmacht über den Menschen bemüht. Die Aufklärung hat entworfen, was der Mensch ist und zu sein sollte. Diese Definitionsmacht des Menschen über den Menschen ist heute insofern in Gefahr, als die neuesten Techniken der Neurochirurgie und Neurochemie ins Innerste, in den Bauplan des Menschen eingreifen.
Versetzen wir uns in den Raum, wo der Mensch heute beschrieben wird. Dieser Raum ist kein Hörsaal mehr, sondern ein Operationssaal. Patient A liegt seit Monaten im Koma. Als er erwacht, beginnt er sofort zu lachen. Warum? Zeigt er Lebensfreude? Wurde ihm ein Witz erzählt?
Er lacht, weil die Elektroden, die ein Neurochirurg in sein Hirn gesenkt hat, sanfte Stromstösse aussenden. Höchstens zehn Volt, 130 Hertz, sie reichen für ein Lachen. Um die Seele zu kitzeln.
Muss man das Wort Identität endgültig vergessen? Zweitausend Jahre Philosophie und Religion helfen heute nicht gegen die Verflüchtigung der Identität in den Umbaulabors. Heute kann ein Neurochirurg bei einem Menschen mitten im Herbst Frühlingsmelancholie hervorrufen. Wenn das mehr ist als nur Science-Fiction- Kitsch, dann findet ein Kulturwandel statt, dem unsere Sprache noch nicht gewachsen ist.
Eigentlich handelt es sich bei dieser Geschichte um ein uraltes Märchen. Bereits Shakespeare hat die Versuchsanordnung des gefühlserzeugenden Pharmakons im „Sommernachtstraum“ durchgespielt: der schlafenden Elfenkönigin Titania wird ein Zauber-Blütennektar in die Augen geträufelt, der bewirkt, dass sie sich in das erste Wesen, das sie erblickt, verliebt. Nun ist dies ein Handwerker mit einem Eselskopf, in den sich die Schöne unsterblich vergafft - alle Elfen, der Elfenkönig und Shakespeare selber dürfen sich amüsieren. Denn sie haben auch die Macht, die Königin wieder zu entzaubern, alles war ja nur ein Sommernachtstraum.
Wie verbessert man den Menschen? Dieser Wunsch wird in der Aufklärung, als Perfectibilité zum Programm. Sie setzt auf Erziehung und Bildung. Gefühle werden über die Künste geformt. Unvergleichlich effizienter wird heute am Grenzverlauf von Wachen und Schlafen, Depression und Euphorie und an den Emotionen gearbeitet. Verliebtsein, Schüchternheit und Nachdenklichkeit – also Kerngefühle des Humanen, sind pharmazeutisch erzeugbar oder gar aufhebbar. Die Techniken des Neuro-Enhancement zielen auf die Perfektionierung des Menschen in der Nachfolge von religiöser Dressur und philosophischer Erziehung. Wer durch eine Lifestyle-Pille glücklich werden kann, wird sich à la longue Bussen, Beten und Grübeln ersparen. Wer seine Leistungsfähigkeit steigern, wer Hemmungen, das Knirschen der Seele, wer jedes Zögern überwinden will, der greift, auch als Gesunder, zum Neuro-Booster.
Mit dieser neuen Generation der Lifestylepillen wird die Unterscheidung zwischen Gesundheit und Krankheit immer schwieriger.
„Kann chemisches Glück echtes Glück sein?“
Im Irak flogen amerikanische Bomberpiloten mit dem Wachmacher Modafinil ihre Einsätze. An amerikanischen Universitäten verbessern 25 % aller Studierenden ihre Lern- und Konzentrationsfähigkeit mit Ritalin. Ritalin, als Mittel gegen kindliche Hyperaktivitätsstörungen entwickelt, ist der Brain-Doping- Renner.
Nicht nur die Stärke, die Leistungsfähigkeit, das Aussehen und die falschen Gefühle lassen sich verbessern, sondern auch der eigene Lebenslauf. Das sogenannte Memory-Blunting korrigiert durch die Einnahme entsprechender Medikamente verkorkste Biografien, indem es die eigenen Erinnerungen positiv tönt und die schlimmsten Ereignisse aus dem Gedächtnis löscht. Memory-Blunting ist eine Art Foto-Shop für schlechte Erinnerungen.
Ein Märchen, das uns den Geist vertreibt, löst Unbehagen aus. Heute muss Besorgnis erregen, dass dieses Unbehagen nicht wächst, sondern immer kleiner wird. Wir wissen, dass bereits eine Geburtstagsfeier oder das Lesen einer Gebrauchsanweisung stressauslösend ist. Dagegen eine Beruhigungstablette einzunehmen, wird man sich nicht versagen. Sich gegen die eigene Schüchternheit zu medikamentieren, kann unter gewissen Umständen geboten sein. Deprimiertheit, Melancholie und Trauer mit einem Stimmungsaufheller zu begegnen, kann verlockend sein.
Bei der Pille, mit der ich mich in bestimmte Gefühlszustände katapultieren kann, muss ich die Packungsbeilage nicht mehr lesen, es gibt keine Nebenwirkungen mehr. Damit wird die Notwendigkeit zur Unterscheidung von natürlichen und künstlichen Gefühlen hinfällig. Entscheidend wird allein, ob es man sich auch längerfristig angenehme Gefühle verschaffen will, wenn die Umstände diesen widersprechen.
Es könnte bald schon um die massenhafte Herstellung eines glücklichen, harmonischen, zufriedenen Selbst gehen. Letztlich um die Erfüllung zum Teil geradezu infantiler Wünsche. Verblendet, oder eben märchenhaft, mutet es an, Tod und Traurigkeit überwinden zu wollen, sich in einem Anfall von Schneewittchensucht endlos zu verschönern und selbst noch die eigenen Nachkommen zu programmieren– wie es zwei taube, lesbische Frauen mit ihrem Wunsch nach einem tauben Baby taten.
Selbst ist der Mensch, je weniger Selbst ihm bleibt. Im Visier der Selbstmodellierungen pharmazeutischer, biochemischer oder kosmetischer Art steht immer die Ausmerzung der Verlustzonen. Aber wird einer ohne Angst wirklich zum Held? Kann einer, dem die Fähigkeit zu trauern genommen ist, noch lieben? Welches Selbstverständnis könnte einem raten, mit einer Gedächtnispille das Vergessen aufzuheben?
Dazu der Modellfall Viagra. Das Potenzmittel wird längst auch von den Männern eingenommen, die nicht ernsthaft an Erektionsstörungen leiden. Keine Frau wird beim Verkehr fragen, ob die Erektion ein Gradmesser ihrer weiblichen Attraktivität oder bloss eine chemisch induzierte Reaktion ist. Zumindest geht die Pharmaindustrie von einer Indifferenz in dieser Sache aus. Ich zitiere die Website von Pfizer, „Guter Sex tut gut – in jeder Beziehung“
Wer sich auf eine komplett harte Erektion verlassen kann, kann mit viel mehr Selbstvertrauen an das Liebesspiel herangehen und es rundum genießen. Eine solche richtig harte Erektion wird nach einer Skala1) – der so genannten Erection Hardness Grading Scale – als Grad 4 bezeichnet.
Wer ein oder gar zwei Grad unter diese Skala fällt, sollte sich, so Pfizer, dringend mit Viagra helfen. Beisspielhaft ergreift die Verdokterung des Mängelwesens Mensch Mann und Frau gleichermassen. Fragen politischer, sozialer oder auch psychischer Natur werden zu Fragen der richtigen Medikamentierung umcodiert. Das Neuro-Enhancement dringt tröpfchenweise, aber nicht weniger süchtigmachend, ins Alltagsleben.
Damit ist eine zentrale abendländische Errungenschaft zur Disposition gestellt: die Identität. Identität beschreibt ja nicht nur ein bestimmtes Verhältnis zu uns selbst, sondern auch ein Bündel von Merkmalen, durch die wir von den anderen als immer diesselben,- als selbstidentisch- erkennbar sind. Wird dieses Selbst aber herstellbar und ad libitum veränderbar, wird die Rede vom Identitätskern zum Euphemismus.
Die Eingriffe in die Leib-Seele-Identität werden von der neurophysiologischen Theorie abgefedert, die, laut dem Philosophen Menzinger, darauf hinzielt, dass es „keinen essenziellen Ich-Kern“ gibt. „Unser christlich-humanistisch geprägtes Verständnis des Menschen verändert sich nicht nur durch theoretische Erkenntnisse, sondern ebenso durch das Auftreten dieser Technologien. Die Frage ist: Welche Konsequenzen wird eine naturalistische Wende im Menschenbild haben?“ (Menzinger, in: DIE ZEIT: 34,2007)
Wenn das Ich pharmakologisch aufgelöst wird, muss sich dies auch in seiner literarischen Darstellung niederschlagen. In seinem Roman „Echo der Erinnerung“ unternimmt der amerikanische Autor Richard Powers den Versuch, seine Darstellung eines „flüssigen Ichs“ zu beschreiben:
„Das Ich war ein Gemälde auf diesem flüssigen Untergrund. Ein Gedanke lenkte ein Aktionspotenial durch eine Nervenfaser. Eine winzige Menge Glutamat überbrückte den Spalt, erreichte einen Rezeptor am Zieldendriten und löste in der zweiten Zeile ein Aktionspotenial aus. Und dann kam das eigentliche Feuerwerk: Das Aktionspotential in der Empfängerzelle löste den Magnesiumblock in einer anderen Art vom Rezeptor, so dass Kalzium einströmen konnte, und was folgte, war eine chemische Reaktion von ungeahnten Ausmassen. Gene traten in Aktion und produzierten neue Proteine, die an die Synapsen zurückflossen und sie veränderten. So entstand eine neue Erinnerung, das Bett für den Fluss der Gedanken. Geist aus Materie. Jeder Lichtblitz, jedes Geräusch, jedes zufällige Zusammentreffen, jede willkürliche Bewegung im Raum formte das Gehirn, veränderte die Synapsen, schuf neue, während andere schwächer wurden oder aus Mangel an Aktivität verkümmerten. Das Gehirn veränderte sie ununterbrochen, ein ständig sich wandelnder Spiegel.“ (Powers: 451)
Diese Romanstelle wirkt insofern beruhigend, als dieser Metaphernsturm der die Sache mehr verhüllt als enthüllt. Literarische Sprache ist kein Medikament, ihre Wirkung ist komplexer und unberechenbarer als eine Pille; sie wird sich nicht so schnell von einem Subjekt lossagen können, das seine Grammatik strukturiert.
Man muss also von einem Paradox ausgehen: die neurochemischen Eingriffe steigern das Selbstgefühl und damit die Selbstidentität des Einzelnen gerade da, wo sich von Identität nicht mehr problemlos reden lässt. „Natürlichkeit“ in Bezug auf die äussere Erscheinung und Emotionalität wird problematisch. „Den neuen Gefühlen und Fähigkeiten des neuro-getunten Menschen haftet,“ wie Linus S. Geisler schreibt, „ein merkwürdiger Hautgout an: der Beigeschmack des Künstlichen.“ Das Glück, das uns in der Droge erreicht, ist ein leeres Glück. Aber was ist, wenn eines Tages keiner mehr da ist, der dies feststellen könnte?
Es gibt kein Argument gegen die Annahme, dass wir nicht doch eines Tages eine glücklich gedopte Gesellschaft sein könnten, vielleicht vergleichbar den Indianern Mittelamerikas mit ihren Peyote und Mescalinkonsum, die jedoch mit einem Angebot zur Transzendenz einhergingen.
Voraussagbar ist, dass das neurowissenschaftliche Menschenbild und seine Modellierungspraxis keinen kulturellen Widerstand erfahren wird. Von den differenten gesellschaftlichen Strömungen wird der Fundamentalismus am ehesten gegen ihn auftreten. Ein neu erwachter christlicher Fundamentalismus, der die sakralen Räume wieder belebt ebenso wie der bereits virulente Islamismus. Möglicherweise auch ein grüner, biologischer Fundamentalismus. Jeder Fundamentalismus betreibt als Feind der skeptischen Gesellschaft die Erneuerung des Menschen mittels seiner Rückführung zu den sogenannten Wurzeln, Quellen oder Ursprüngen. Er ist sich des Widerspruchs seiner Haltung nicht bewusst. Ja, der Fundamentalismus ist definierbar als die Herstellung eines Lebensgefühls ohne Widersprüche. Der Fundamentalismus, der unser Leben von seinen Widersprüchen heilen will, hat dann keine Chance, wenn wir das Projekt der Verbesserung unseres Selbst nicht blind verfolgen. Sonst droht uns tatsächlich ein Happy End.
© Martin R. Dean
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